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philoro FAKTENCHECK: Kontrolle

Wer bestimmt eigentlich den Goldpreis – und warum verschiebt sich die Macht im globalen Goldhandel gerade?

21. Juni 2026

Wer den Goldpreis am Morgen aufruft, sieht eine Zahl – doch wer bestimmt diesen Preis eigentlich? Lange war die Antwort vergleichsweise einfach: London. Die britische Hauptstadt gilt seit Jahrzehnten als zentrale Schaltstelle des internationalen Goldhandels. Doch genau dieses Machtgefüge beginnt sich zu verändern.

Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um die Frage, wer den Goldmarkt wirklich kontrolliert, warum das Londoner Clearing-System dabei eine Schlüsselrolle spielt und weshalb neue Akteure wie Singapur und Coinbase den Markt in Bewegung bringen. Gleichzeitig richtet sich der Blick auf die Fed, den Iran-Deal, die Inflation und neue Goldpreis-Prognosen.

London: Die stille Schaltzentrale des Goldmarkts

Bis vor Kurzem war klar: Wer über die Preisfindung im Goldmarkt spricht, kommt an London nicht vorbei. Eine zentrale Rolle spielt dabei die LBMA, die London Bullion Market Association. Sie prägt die Standards, Strukturen und Abläufe des globalen Goldhandels und ist damit eine Art stille Regierung des Goldmarkts.

Besonders wichtig ist das sogenannte Clearing. Der Begriff klingt technisch, beschreibt aber im Kern einen einfachen Mechanismus: Wenn große Banken täglich enorme Mengen Gold miteinander handeln, entstehen gegenseitige Verpflichtungen. Bank A schuldet Bank B Gold, Bank B wiederum Bank C – und so weiter. Das Clearing rechnet diese Forderungen gegeneinander auf, sodass am Ende nur der tatsächliche Nettobetrag bewegt werden muss.

In London läuft dieser Prozess über die London Precious Metals Clearing Limited, einen Zusammenschluss großer Banken, der täglich Goldtransaktionen in sehr großem Umfang abwickelt. Wer dieses Clearing kontrolliert, hat erheblichen Einfluss auf die Preisfindung im globalen Goldmarkt.

Nicht jedes Gold ist physisches Gold

Ein entscheidender Punkt im Londoner System: Ein großer Teil des gehandelten Goldes wird nicht als konkreter physischer Barren bewegt. Häufig läuft der Handel über sogenannte „unallocated accounts“, also nicht zugeteilte Konten.

Das bedeutet: Der Kunde besitzt keinen bestimmten, nummerierten Goldbarren in einem Tresor. Er hat vielmehr eine Forderung gegenüber der Bank – vergleichbar mit einem Bankkonto, nur eben auf Goldbasis. Anders ist es bei einem „allocated account“. Dort sind dem Kunden konkrete Barren zugeordnet, die separat verwahrt werden.

Genau diese Struktur macht London so mächtig. Denn das Clearing über nicht zugeteilte Konten ermöglicht enorme Handelsvolumina, ohne dass ständig physisches Gold bewegt werden muss. Gleichzeitig konzentriert sich dadurch ein wesentlicher Teil der globalen Preisbildung auf wenige zentrale Marktakteure.

Singapur baut ein eigenes Gold-Clearing-System auf

Doch London bekommt Konkurrenz. Singapur arbeitet daran, ein eigenes Gold-Clearing-System aufzubauen. Die Singapore Exchange will bis Ende 2026 eine außerbörsliche Plattform für physisches Gold einführen. Mit dabei sind laut Video unter anderem JPMorgan, Deutsche Bank, DBS und ICBC.

Das Ziel ist nicht unbedingt, London vollständig zu ersetzen. Vielmehr will Singapur eine Lücke schließen, die der globale Goldmarkt täglich kennt: die asiatischen Handelszeiten. Wenn London nicht aktiv ist, ist der Goldmarkt traditionell weniger liquide. Genau in dieser Phase könnte Singapur künftig eine stärkere Rolle in der Preisfindung übernehmen.

Zusätzlich plant die Zentralbank Singapurs spezielle Goldverwahrungsdienste für ausländische Notenbanken. Damit positioniert sich Singapur nicht nur als Handelsplatz, sondern auch als möglicher Verwahrstandort für staatliche Goldreserven. Das ist ein direkter Angriff auf Londons Status als zentrale Drehscheibe des physischen Goldmarkts.

Goldhandel rund um die Uhr: Coinbase bringt 24/7-Futures

Auch digital verändert sich der Goldmarkt. Die Krypto-Börse Coinbase hat laut Video die weltweit ersten rund um die Uhr handelbaren Gold- und Silber-Futures gestartet. Das bedeutet: Gold und Silber können über diese Kontrakte nicht mehr nur zu klassischen Börsenzeiten gehandelt werden, sondern 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Die Kontrakte sind bewusst klein gehalten: eine Feinunze Gold und 50 Feinunzen Silber. Damit sollen auch kleinere Anleger Zugang zu einem Markt erhalten, der bisher häufig durch hohe Mindestgrößen geprägt war.

Interessant ist vor allem die dahinterstehende Philosophie. Aus der Kryptowelt kommt die Idee, dass Märkte niemals schließen. Wenn dieses Prinzip nun auf Gold und Silber übertragen wird, könnte das langfristig neue Handelsgewohnheiten schaffen – und die traditionelle Marktstruktur weiter aufbrechen.

Die Fed bleibt ein entscheidender Faktor für Gold

Der Goldpreis wird jedoch nicht nur in London, Singapur oder auf digitalen Handelsplattformen gemacht. Auch die US-Notenbank hat großen Einfluss. Im Video wird auf die erste Sitzung unter Kevin Warsh eingegangen.

Die Zinsen blieben demnach unverändert bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Für den Goldpreis war das zunächst keine Überraschung, entsprechend gering fiel die unmittelbare Marktreaktion aus. Spannender war jedoch der Blick auf den sogenannten Dot Plot. Dort haben neun von achtzehn Notenbankmitgliedern eine weitere Zinserhöhung für 2026 eingezeichnet – im März war das noch nicht der Fall.

Hinzu kommt eine angehobene Inflationsprognose von 3,6 Prozent, deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent. Gleichzeitig wurde die Forward Guidance gestrichen. Das bedeutet: Die Fed gibt künftig weniger Hinweise darauf, wohin die geldpolitische Reise gehen könnte. Für Gold schafft das ein neues Umfeld, in dem Unsicherheit und Datenabhängigkeit noch stärker in den Vordergrund rücken.

Iran-Deal: Entspannung beim Öl – aber nur auf Zeit

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Goldpreis ist die geopolitische Lage. Laut Video hat Donald Trump den Friedensdeal mit dem Iran unterzeichnet. Die Straße von Hormus wird für 60 Tage zollfrei geöffnet, der Iran räumt Minen, und die USA lockern den Wirtschaftsboykott, sodass iranische Ölexporte wieder möglich werden.

Für die Märkte bedeutet das zunächst: weniger Öl-Risiko, potenziell sinkende Energiepreise und nachlassender Inflationsdruck. Genau hier liegt der entscheidende Zusammenhang zu Gold. Denn hohe Inflation war einer der Gründe, warum die Fed in Richtung weiterer Zinserhöhungen gedrängt wurde. Wenn dieser Druck nachlässt, schwächt sich auch eines der stärksten Argumente gegen Gold ab.

Doch die Entspannung hat ein Ablaufdatum. Der Deal gilt zunächst für 60 Tage. Was danach passiert, bleibt offen. Solange daraus kein dauerhaftes Abkommen entsteht, handelt es sich eher um eine kurzfristige Entlastung als um eine echte Trendwende. Für die kommenden Wochen kann der Deal dem Goldpreis dennoch Rückenwind geben.

Barclays bleibt optimistisch für Gold

Trotz der jüngsten Korrektur bleiben die Analysten von Barclays laut Video positiv gestimmt. Die Bank bestätigt ihre Prognose von 4.791 US-Dollar je Unze Gold bis Ende 2026. Für 2027 liegt die Prognose bei 4.900 US-Dollar.

Barclays verweist dabei auf drei strukturelle Treiber, die langsam wirken, sich aber stetig aufbauen: anhaltende Inflation, politische Unsicherheit und fortgesetzte Zentralbankkäufe. Diese Faktoren verschwinden nicht kurzfristig, selbst wenn sich einzelne Krisenphasen vorübergehend beruhigen.

Die jüngste Korrektur des Goldpreises wird von Barclays als temporär eingeschätzt. Ein starker US-Dollar, boomende Aktienmärkte und das Auflösen gehebelter Goldpositionen hätten den Preis belastet. Aus Sicht der Analysten handelt es sich dabei jedoch nicht um eine Veränderung des langfristigen Umfelds.

Besonders interessant ist die Einschätzung zur Inflation: Laut Barclays kann jeder zusätzliche Prozentpunkt Inflation Gold um rund fünf Prozent unterstützen. Die Energiepreise der vergangenen Monate haben ihre Spuren hinterlassen – und strukturelle Inflation verschwindet nicht automatisch, nur weil ein politischer Vertrag unterzeichnet wird.

Fairer Wert und Produktionskosten: Wie tief könnte Gold fallen?

Barclays sieht den fairen Wert von Gold laut Video aktuell bei rund 4.150 US-Dollar. Das bedeutet: Selbst während der Korrektur notiert Gold noch über diesem fairen Wert. Gleichzeitig argumentiert die Bank, dass es gerade jetzt gute Gründe für einen Aufschlag geben könnte – angesichts politischer Unsicherheit, Inflation und der anhaltenden Nachfrage durch Zentralbanken.

Im Video wird außerdem eine Zuschauerfrage zu den Produktionskosten aufgegriffen. Dabei geht es um die Annahme, Gold könne kaum unter 3.000 Euro fallen, weil die Förderung bereits fast so teuer sei. Hier lohnt ein genauer Blick auf die sogenannten All-in Sustaining Costs. Diese umfassen die vollständigen laufenden Kosten einer Mine, darunter Löhne, Energie, Wartung und Exploration.

Im globalen Schnitt liegen diese Kosten laut Video bei rund 1.300 bis 1.500 US-Dollar pro Unze, also etwa 1.130 bis 1.300 Euro. Damit liegen sie deutlich unter dem aktuellen Preisniveau. Theoretisch könnte Gold also noch spürbar fallen, bevor viele Minen wirtschaftlich ernsthaft unter Druck geraten.

Fazit: Der Goldmarkt wird globaler, digitaler und politischer

Der neue FAKTENCHECK zeigt: Der Goldmarkt befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderung. London bleibt zwar ein zentrales Machtzentrum, doch Singapur arbeitet daran, besonders in den asiatischen Handelszeiten eine stärkere Rolle einzunehmen. Gleichzeitig bringen digitale Plattformen wie Coinbase die Idee eines rund um die Uhr geöffneten Goldmarkts voran.

Parallel dazu bleiben makroökonomische und geopolitische Faktoren entscheidend. Die Fed verzichtet auf klare Signale, die Inflation bleibt über dem Zielwert, der Iran-Deal sorgt nur vorübergehend für Entspannung, und Analysten wie Barclays sehen weiterhin starke strukturelle Argumente für Gold.

Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Gold wird nicht nur von einem einzigen Markt, einer einzigen Institution oder einem einzigen Ereignis bestimmt. Der Preis entsteht aus einem Zusammenspiel von Clearing-Systemen, Handelsplätzen, Zentralbanken, Zinspolitik, Inflation, geopolitischen Risiken und wachsender digitaler Marktinfrastruktur.