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philoro FAKTENCHECK: Preisverfall

Ist der aktuelle Preisverfall nur eine Korrektur – oder der Beginn einer größeren Trendwende?

24. Juni 2026

Der Goldpreis ist in den vergangenen Monaten deutlich unter Druck geraten. Vom Hoch Ende Jänner bei über 5.400 US-Dollar ging es bis auf rund 4.123 US-Dollar zurück – ein Minus von fast 24 Prozent. Für viele Anlegerinnen und Anleger ist das eine ernüchternde Entwicklung, besonders vor dem Hintergrund, dass die physische Nachfrage nach Gold weiterhin stark bleibt.

Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es deshalb um die zentrale Frage: Warum fällt der Goldpreis, obwohl Zentralbanken, Privatanleger und große Käufer wie China weiter Gold nachfragen? Und ist der aktuelle Preisverfall nur eine Korrektur – oder der Beginn einer größeren Trendwende?

Ein tristes Bild am Goldmarkt

Die Stimmung am Goldmarkt ist derzeit angespannt. Seit dem Hoch vom 29. Jänner hat Gold knapp ein Viertel seines Wertes verloren. Wer zu Jahresbeginn eingestiegen ist, musste in den vergangenen Monaten deutliche Verluste hinnehmen.

Auch in der philoro TV Community zeigt sich die wachsende Verunsicherung: Viele fragen sich, wie es sein kann, dass weltweit Gold gekauft wird und der Preis dennoch weiter fällt. Die Enttäuschung ist nachvollziehbar. Denn obwohl langfristig viele Argumente für Gold sprechen, dominiert kurzfristig ein anderer Faktor den Markt: die Zinspolitik der US-Notenbank.

Die Fed als wichtigster Gegenwind für Gold

Der Hauptgrund für den aktuellen Druck auf den Goldpreis liegt in New York – genauer gesagt bei der US-Notenbank. Der neue Fed-Chef Kevin Warsh hat in seiner ersten Sitzung deutlich gemacht, dass die Bekämpfung der Inflation im Mittelpunkt der Geldpolitik stehen wird.

Damit sind die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen deutlich gesunken. Stattdessen rechnen immer mehr Marktteilnehmer damit, dass die Zinsen eher steigen als fallen könnten. Laut Fed Watch Tool erwarten inzwischen 70 Prozent der Anleger eine Zinserhöhung im September, für Oktober liegt diese Erwartung sogar bei 80 Prozent.

Für Gold ist das ein entscheidender Belastungsfaktor. Gold wirft keine laufenden Zinsen ab. Wenn Anleihen oder andere verzinste Anlagen attraktiver werden, gerät Gold im Vergleich stärker unter Druck. Genau diese Entwicklung spiegelt sich aktuell im Kurs wider.

Große Banken senken ihre Goldpreis-Prognosen

Die veränderten Zinserwartungen schlagen sich auch in den Prognosen großer Finanzinstitute nieder. Goldman Sachs hat das Kursziel für Ende 2026 um 500 US-Dollar gesenkt und erwartet nun einen Goldpreis von 4.900 US-Dollar. Als Begründung nennt die Bank ausbleibende Zinssenkungen.

Auch die deutsche Bank hat ihre Prognose angepasst. Statt 4.800 US-Dollar im letzten Quartal des Jahres erwartet sie nun 4.300 S-Dollar. Das klingt zunächst negativ, würde vom aktuellen Niveau rund um 4.100 US-Dollar aber immer noch einen Anstieg bedeuten.

Besonders wichtig ist nun die Marke von 4.000 US-Dollar. Sie gilt für viele Marktteilnehmer als psychologische Schwelle. Sollte Gold darunter fallen, könnte sich der Abverkauf weiter beschleunigen. Auch charttechnisch ist die Lage angespannt: Die 200-Tage-Linie wurde bereits Anfang Juni nach unten durchbrochen.

Starke physische Nachfrage – aber der Markt schaut auf die Zinsen

Bemerkenswert ist, dass der aktuelle Preisrückgang nicht durch eine schwache physische Nachfrage erklärt werden kann. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach Barren und Münzen bleibt hoch. Die Royal Mint verzeichnete laut Video das stärkste erste Quartal ihrer Geschichte.

Auch Zentralbanken kaufen weiterhin Gold. Besonders China bleibt ein zentraler Akteur. Im April wurde 157 Tonnen Gold nach China importiert, im Mai waren es 163 Tonnen. Laut Bloomberg soll China von Jänner bis Mai insgesamt 692 Tonnen Gold importiert haben – 76 Prozent mehr als im Vorjahr.

Zusätzlich gilt seit 1. Juni ein neues Lizenzsystem für Goldimporte, das bestimmten Banken den Zugang zum Goldmarkt erleichtern soll. Damit dürfte die Versorgung des chinesischen Marktes verbessert werden. Der Goldhunger im Fernen Osten ist also weiterhin groß.

Trotzdem scheint all das derzeit kaum Einfluss auf den Preis zu haben. Der Markt blickt vor allem auf die Fed, die Zinserwartungen und den Inflationskurs. Die starke Nachfrage nach physischem Gold tritt kurzfristig in den Hintergrund.

Das große Aber: Viele Analysten bleiben langfristig optimistisch

So schlecht die aktuelle Stimmung auch ist: Viele Analysten sehen keinen Grund, den langfristigen Goldtrend abzuschreiben. Sie betrachten den Preisverfall eher als Phase innerhalb eines größeren Aufwärtstrends.

Ein zentrales Argument bleibt das Verhalten der Zentralbanken. Sie kaufen nicht nur Gold, sondern holen es zunehmend auch in die eigene Kontrolle zurück. Der Grund: Nur Gold, das tatsächlich unter eigener Verfügung steht, erfüllt im Krisenfall seine Funktion als strategische Reserve.

Dahinter steht eine tiefere Entwicklung: Viele Zentralbanken rechnen damit, dass die Bedeutung des US-Dollars als globale Reservewährung langfristig sinken und Gold als Reserveinstrument an Bedeutung gewinnen wird. Diese Einschätzung stammt nicht von Kommentatoren oder Analysten, sondern von jenen Institutionen, die selbst über Währungsreserven entscheiden.

Langfristige Prognosen bleiben deutlich höher

Auch wenn die Deutsche Bank ihre kurzfristige Prognose gesenkt hat, bleibt sie langfristig optimistisch. Bis 2031 hält sie einen Goldpreis von 8.000 US-Dollar für möglich. Als Hauptgrund nennt sie Zentralbanken in Schwellenländern, die sich stärker gegen westliche Sanktionen absichern wollen und deshalb Gold kaufen.

Ronnie Stöferle vergleicht die Goldpreisentwicklung mit einer Besteigung des Mount Everest. Auch dort geht es nicht in einem Zug nach oben. Es braucht Pausen, Rücksetzer und Phasen der Akklimatisierung. An seinem langfristigen Ziel von 8.900 US-Dollar bis 2030 hält er fest.

Die Bank of America bleibt ebenfalls grundsätzlich positiv und hält an ihrer Prognose von 6.000 US-Dollar fest – wenn auch mit einem flexibleren Zeitrahmen. Die Société Générale spricht sogar von „Buy the dip“ und erwartet, dass die Volatilität am Goldmarkt zurückgehen könnte. Wenn ETFs ihre Positionen abbauen und Zentralbanken weiter kaufen, könnte nach Einschätzung der Bank wieder mehr Stabilität einkehren. Auf Sicht eines Jahres sieht sie Gold bei 5.000 US-Dollar.

Die fundamentalen Argumente für Gold sind nicht verschwunden

Der wichtigste Punkt: Die langfristigen Gründe für Gold bestehen weiterhin. Die Welt ist nach wie vor hoch verschuldet. Fiat-Währungen verlieren langfristig an Kaufkraft. Das Dollar- und Bankensystem kann geopolitisch als Druckmittel eingesetzt werden. Und Zentralbanken suchen weiterhin nach Alternativen zur einseitigen Abhängigkeit vom US-Dollar.

All diese Faktoren sind nicht verschwunden. Sie werden vom Markt derzeit nur weniger stark gewichtet, weil die Zinspolitik der Fed im Vordergrund steht. Kurzfristig dominieren also Zinsen und Inflationserwartungen. Langfristig bleiben jedoch Verschuldung, Währungsrisiken, geopolitische Unsicherheit und Zentralbankkäufe entscheidende Argumente für Gold.

Auch Silber steht unter Druck

Nicht nur Gold, auch Silber musste zuletzt deutliche Verluste hinnehmen. In der vergangenen Woche ging es um mehr als 11 Prozent nach unten. Auch hier wird der Druck vor allem mit der Fed und den gestiegenen Zinserwartungen erklärt.

Der Silbermarkt hat jedoch eigene Dynamiken, die im nächsten philoro TV Video gemeinsam mit Jochen Staiger genauer analysiert werden. Denn neben der Geldpolitik spielen bei Silber auch industrielle Nachfrage, Angebotslage und Marktstruktur eine wichtige Rolle.

Fazit: Der Goldpreis fällt – aber die langfristige Geschichte ist nicht vorbei

Der aktuelle Preisverfall am Goldmarkt ist schmerzhaft und hat die Stimmung deutlich belastet. Die Kombination aus steigenden Zinserwartungen, skeptischeren Bankprognosen und charttechnischen Warnsignalen sorgt kurzfristig für Druck.

Gleichzeitig bleibt die physische Nachfrage stark. Privatanleger kaufen Barren und Münzen, Zentralbanken bauen ihre Bestände aus, und China importiert weiterhin große Mengen Gold. Der Widerspruch zwischen starkem physischen Interesse und fallendem Preis zeigt: Der Markt wird aktuell vor allem von Zinserwartungen dominiert.

Ob der Goldpreis kurzfristig weiter fällt, hängt wesentlich von der Fed, der Inflation und der psychologisch wichtigen Marke von 4.000 US-Dollar ab. Langfristig bleiben viele Analysten jedoch optimistisch. Die fundamentalen Argumente für Gold – Verschuldung, Währungsrisiken, geopolitische Unsicherheit und Zentralbankkäufe – sind weiterhin intakt.