Nach fünf schwierigen Monaten am Edelmetallmarkt gibt es erstmals wieder deutlichere Erholungssignale. Gold und Silber standen seit Ende Jänner unter massivem Druck, doch in den letzten Tagen hat sich das Bild gedreht: Käufer kamen zurück, wichtige Unterstützungsbereiche hielten und besonders Silber legte nach einem scharfen Rückgang wieder kräftig zu.
Gold stabilisiert sich knapp unter der Marke von 4.000 US-Dollar
Seit dem Hoch Ende Jänner befand sich Gold in einer ausgeprägten Korrekturphase. Vom Peak bis Anfang Juni verlor der Goldpreis fast 20 Prozent. Besonders wichtig war dabei die Marke von 4.400 US-Dollar, die viele Anleger als Unterstützung betrachtet hatten.
Als diese Marke am 5. Juni unterschritten wurde, beschleunigte sich der Ausverkauf. Gleich dreimal fiel Gold in den Bereich von 3.940 bis 3.960 US-Dollar. Doch genau dort kamen wieder vermehrt Käufer in den Markt. Innerhalb von nur zwei Handelstagen konnte sich der Goldpreis um bis zu 250 US-Dollar erholen.
Damit rückt eine zentrale Frage in den Fokus: War das bereits der Boden – oder nur eine technische Gegenbewegung?
Silber mit noch stärkerer Bewegung
Bei Silber war die Entwicklung noch dramatischer. Nach einem Zwischenhoch bei 89,37 US-Dollar Mitte Mai fiel der Preis innerhalb von sechs Wochen um fast 30 Prozent auf 55,59 US-Dollar.
In den folgenden Tagen gelang es den Bären jedoch nicht mehr, dieses Tief erneut zu unterbieten. Genau das löste laut Edelmetallexperte Florian Grummes einen Short-Squeeze aus. Dabei müssen Marktteilnehmer, die auf weiter fallende Kurse gesetzt haben, ihre Positionen zurückkaufen, um Verluste zu begrenzen. Diese Rückkäufe können den Preis zusätzlich nach oben treiben. Das Ergebnis war eine rasche Erholung von 13,1 Prozent. Zum Zeitpunkt des Drehs am Dienstag, 7. Juli, stand Silber wieder bei rund 60 US-Dollar.
Ist der Boden erreicht?
Immer mehr Stimmen am Markt gehen davon aus, dass Gold und Silber ihren Boden bereits gefunden haben könnten – oder zumindest nahe daran sind. Dafür sprechen mehrere Faktoren.
Zum einen kam es zuletzt zu hohen Verkäufen bei Gold-ETFs. In solchen Phasen ist häufig davon die Rede, dass sie „schwachen Hände“ kapitulieren. Gemeint sind kurzfristige Spekulanten, die den Markt verlassen, wenn die Kurse fallen. Wenn dieser Verkaufsdruck nachlässt, kann sich der Markt stabilisieren.
Zum anderen beginnt ab Juli traditionell eine saisonal günstigere Phase für Gold. Die Schmuckbranche startet damit, sich für das Weihnachtsgeschäft einzudecken. Dazu kommt ein stark überverkaufter Markt. Das bedeutet: Nach einem heftigen Preisrückgang haben viele Marktteilnehmer, die verkaufen wollten, bereits verkauft. Dadurch kann der Spielraum nach unten kleiner werden.
Eine Garantie für steigende Preise ist das nicht. Es ist aber ein Signal, dass eine Bodenbildung möglich sein könnte.
Analysten sehen Chancen auf eine Gegenbewegung
Florian Grummes sieht bei Silber gute Chancen für eine deutliche Gegenbewegung, weil der Markt zuletzt stark überverkauft war. Als ersten wichtigen Bereich nennt er 68,50 US-Dollar. Sollte sich der Aufwärtstrend fortsetzen, hält er sogar Kursziele zwischen 75 und 78 US-Dollar für möglich.
Auch bei Gold gibt es vorsichtig optimistische Einschätzungen. Marcel Torney von wallstreetONLINE sieht mögliche Bewegungsziele bei 4.500 US-Dollar und später sogar bei 4.800 US-Dollar. Unterstützt wird diese Einschätzung auch durch die zuletzt positive Entwicklung großer Goldminen-Aktien, die ebenfalls nach oben gedreht haben. Diese Bewegungen deuten darauf hin, dass nicht nur die Edelmetallpreise selbst, sondern auch angrenzende Marktbereiche wieder stärkeres Interesse zeigen.
Schwächere US-Arbeitsmarktdaten liefern Rückenwind
Ein wichtiger Auslöser für die jüngste Entspannung kam vom US-Arbeitsmarkt. Die Zahlen für Juni fielen deutlich schwächer aus als erwartet. Dadurch verlor die Sorge vor weiteren Zinserhöhungen zunächst an Kraft.
Auch die Renditen zweijähriger US-Staatsanleihen stiegen seither nicht mehr über 4,2 Prozent. Gleichzeitig stoppte der Höhenflug des US-Dollar-Index vorerst. Beides ist für Gold grundsätzlich positiv: Ein schwächerer Dollar und tendenziell niedrigere Zinsen sorgen normalerweise für Rückenwind bei Edelmetallen. Damit verschiebt sich der Fokus wieder stärker auf die Frage, wie die US-Notenbank Fed auf die jüngsten Daten reagieren wird.
Physisches Metall wandert weiter in starke Hände
Während die Preise unter Druck standen, spielte sich im Hintergrund eine bemerkenswerte Entwicklung ab. Westliche Bullionbanken nutzten die Schwächephase, um ihre Short-Positionen deutlich abzubauen.
China hingegen kaufte zu den niedrigeren Preisen weiter physisches Metall. Laut Video wurden mehrere hundert Tonnen Gold und schätzungsweise bis zu 2.500 Tonnen Silber gekauft. Während der Westen also seine Bücher bereinigte, wanderte physisches Metall weiter in starke Hände im Osten.
Diese Entwicklung zeigt, dass kurzfristige Preisschwäche und langfristige Nachfrage nicht zwingend im Widerspruch stehen. Gerade große Käufer können Rückgänge nutzen, um Positionen weiter aufzubauen.
Was für eine echte Trendwende noch fehlt
Trotz der jüngsten Erholung ist Vorsicht angebracht. Entscheidend bleibt, ob wieder Kapital in Gold-ETFs zurückfließt. Die Bestände des größten Gold-ETFs, des SPDR Gold Shares, waren im Vorfeld des Arbeitsmarktberichts weiter gesunken. Sollte sich dieser Abbau fortsetzen, wäre das ein klares Warnsignal.
Auch charttechnisch bleibt der Bereich zwischen 3.950 und 4.000 US-Dollar zentral. Sollte Gold diesen Bereich deutlich unterschreiten, wäre eine mögliche Trendwende vorerst wieder infrage gestellt.
Für die nächsten Tage und Wochen kommt es daher auf mehrere Faktoren gleichzeitig an: ETF-Zuflüsse oder -Abflüsse, Anleiherenditen, den US-Dollar und die nächsten Aussagen von Fed-Chef Kevin Warsh.
Langfristige Anleger bleiben gelassen
Bei allen kurzfristigen Schwankungen lohnt sich auch der Blick auf den Anlagehorizont. philoro TV hat die Community gefragt, mit welchem Zeithorizont sie ihre Edelmetall-Investments betrachtet.
Das Ergebnis ist eindeutig: 52 Prozent der Teilnehmenden gaben an, langfristig auf 5 bis 15 Jahre zu investieren. Das zeigt, dass viele Anlegerinnen und Anleger die aktuellen Rücksetzer zwar wahrnehmen, sich davon aber nicht grundsätzlich verunsichern lassen.
Gerade bei Edelmetallen ist dieser langfristige Blick entscheidend. Kurzfristig können Zinsen, Dollar und Marktstimmung stark schwanken. Langfristig bleiben Fragen wie Kaufkraftverlust, Verschuldung, geopolitische Risiken und physische Nachfrage von großer Bedeutung.
Fazit: Die Sommer-Rallye ist möglich – aber noch nicht bestätigt
Gold und Silber haben nach monatelanger Schwäche erstmals wieder deutliche Erholungssignale gezeigt. Wichtige Unterstützungsbereiche hielten, Käufer kamen zurück und schwächere US-Arbeitsmarktdaten nahmen der Angst vor weiteren Zinserhöhungen vorerst etwas Druck.
Besonders Silber konnte nach dem starken Rückgang eine kräftige Gegenbewegung zeigen. Auch bei Gold deuten erste Signale darauf hin, dass eine Bodenbildung möglich sein könnte. Gleichzeitig bleibt die Lage anfällig: ETF-Abflüsse, steigende Renditen oder ein stärkerer US-Dollar könnten die Erholung rasch wieder bremsen.
Ob daraus tatsächlich eine Sommer-Rallye wird, hängt nun von mehreren Faktoren ab – vor allem von den ETF-Flüssen, den Anleiherenditen, dem Dollar und den kommenden Signalen der US-Notenbank Fed.