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philoro FAKTENCHECK: 20.000

20.000 US-Dollar für eine Unze Gold: Verrückte Prognose oder realistisches Szenario?

19. August 2026

20.000 US-Dollar für eine Unze Gold – das klingt auf den ersten Blick extrem. Noch vor wenigen Jahren galt bereits die Marke von 2.000 US-Dollar als schwer erreichbar. Inzwischen hat der Goldpreis gezeigt, dass deutlich mehr möglich ist. Doch kann sich der Preis von Gold bis 2030 tatsächlich noch einmal verfünffachen?

Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um eine besonders steile Prognose von Crescat Capital, die Argumente dahinter, den Vergleich mit anderen Goldpreis-Prognosen und die Frage, wie sinnvoll solche langfristigen Szenarien wirklich sind.

Die Prognose: Gold bei 20.000 US-Dollar bis 2030

Crescat Capital, eine globale Makro-Asset-Management-Firma aus Denver, hat Ende Juli mit einer spektakulären These für Aufmerksamkeit gesorgt. Das Unternehmen hält einen Goldpreis von 20.000 US-Dollar pro Unze bis zum Jahr 2030 für möglich.

Das klingt zunächst beinahe unglaublich. Doch Crescat begründet diese Prognose nicht nur mit Bauchgefühl, sondern mit zwei zentralen Überlegungen: dem Verhältnis von Gold zur Geldmenge und dem Verhältnis von Gold zum US-Aktienmarkt.

Gold und die M2-Geldmenge

Ein wichtiges Argument von Crescat Capital ist die sogenannte M2-Geldmenge. Darunter versteht man Bargeld im Umlauf, täglich verfügbare Einlagen wie Girokonten, Bankeinlagen mit Laufzeiten von bis zu zwei Jahren sowie Spareinlagen mit Laufzeiten von bis zu drei Monaten. Es geht also um Geld und geldnahe Vermögenswerte, die relativ schnell verfügbar sind.

Diese Geldmenge wächst laufend. Notenbanken schaffen Geld, Banken vergeben Kredite und dadurch nimmt die Menge an verfügbarem Geld im System zu. Gold hingegen lässt sich nicht beliebig vermehren. Die weltweite Goldmenge wächst nur langsam, durch neue Förderung.

Crescat stellt deshalb die theoretische Frage: Was wäre, wenn die Geldmenge durch Gold gedeckt sein müsste? Wenn die M2-Geldmenge weiter wächst, während die Menge an Gold nur begrenzt zunimmt, entsteht ein Missverhältnis. Mehr Geld trifft auf begrenztes Gold – und daraus leitet Crescat ein langfristig deutlich höheres Goldpreis-Potenzial ab.

Warum begrenztes Gold auf unbegrenztes Geld trifft

Der Kern der Argumentation ist einfach: Papiergeld kann beliebig ausgeweitet werden, Gold nicht. Wenn die Geldmenge schneller steigt als die verfügbare Goldmenge, muss der Goldpreis theoretisch steigen, wenn Gold wieder stärker als Maßstab für Wert und Kaufkraft betrachtet wird.

Genau aus diesem Gedanken ergibt sich das extreme Kursziel von 20.000 US-Dollar. Crescat geht davon aus, dass sich die Schere zwischen Geldmenge und Goldmenge weiter öffnet – und der Goldpreis diese Entwicklung irgendwann abbildet.

Ob dieses Szenario tatsächlich eintritt, ist offen. Aber es zeigt, warum Gold in einer Welt steigender Geldmengen und hoher Verschuldung für viele Investoren attraktiv bleibt.

Gold im Verhältnis zum S&P 500

Die zweite Begründung von Crescat Capital betrifft das Verhältnis von Gold zum S&P 500. Der S&P 500 bildet die 500 größten börsennotierten US-Unternehmen ab und gilt als einer der wichtigsten Aktienindizes der Welt.

Historisch wurde Gold im Vergleich zum S&P 500 immer wieder deutlich höher bewertet als heute. Laut Crescat liegt Gold im Verhältnis zu US-Aktien derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau. Daraus leitet das Unternehmen zusätzliches Aufholpotenzial ab.

Gleichzeitig rechnet Crescat mit der Möglichkeit einer massiven Korrektur am Aktienmarkt. Von einem Rückgang des S&P 500 um bis zu 50 Prozent ist die Rede. Das klingt drastisch, wäre historisch aber nicht völlig ohne Beispiel – man denke etwa an die Finanzkrise 2008 oder die Corona-Krise.

Wenn der Aktienmarkt stark fällt und Gold im Verhältnis dazu deutlich aufwertet, könnte sich laut Crescat auch ein Goldpreis von 20.000 US-Dollar pro Unze erklären lassen.

Was ist von solchen Prognosen zu halten?

Extrem hohe Kursziele sorgen immer für Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ist Skepsis angebracht. Auch die philoro TV Community sieht Prognosen grundsätzlich kritisch: Fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass Prognosen aus ihrer Sicht überhaupt nichts wert sind. Nur vier Prozent meinen, man sollte sich auf die Einschätzung der Profis verlassen.

Diese Skepsis ist nachvollziehbar. Gerade langfristige Prognosen arbeiten mit vielen Annahmen: Wenn die Geldmenge weiter steigt, wenn der Aktienmarkt stark korrigiert, wenn Gold stärker als Wertspeicher gesucht wird, wenn geopolitische Risiken zunehmen – dann können extreme Szenarien möglich werden.

Das Problem ist: Je mehr „wenn“ und „falls“ eine Prognose braucht, desto unsicherer wird sie.

Was für höhere Goldpreise spricht

Trotz aller Vorsicht sind die Argumente für langfristig steigende Goldpreise nicht vom Tisch. Viele Analysten und Marktteilnehmer erwarten, dass Gold in den kommenden Jahren weiter zulegen kann.

Dafür sprechen mehrere fundamentale Faktoren: Zentralbanken kaufen weiterhin Gold, die Abkehr vom US-Dollar schreitet in Teilen der Welt voran, geopolitische Krisen bleiben bestehen und Inflation ist weiterhin ein Thema. Dazu kommt die Tokenisierung, die den Handel mit Gold künftig einfacher, digitaler und zugänglicher machen könnte.

Gold hat durchaus strukturelle Unterstützung. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Gold langfristig steigen kann – sondern ob ein Ziel von 20.000 US-Dollar realistisch ist oder deutlich zu weit geht.

Der Vergleich mit Ronnie Stöferle

Ein interessanter Vergleich ist die aktuelle Prognose von Ronnie Stöferle, dem Autor des „In Gold We Trust“-Reports. Er erwartet einen Goldpreis von knapp 9.000 US-Dollar bis zum Ende des Jahrzehnts.

Auch das ist ein deutlich höheres Ziel als der aktuelle Goldpreis. Im Vergleich zu 20.000 US-Dollar wirkt es aber fast konservativ. Die Botschaft ist dennoch ähnlich: Gold könnte langfristig noch erhebliches Potenzial haben.

Der Unterschied liegt in der Größenordnung. Zwischen 9.000 und 20.000 US-Dollar liegt ein weiter Weg. Crescat formuliert also nicht einfach eine optimistische Prognose, sondern ein sehr ambitioniertes Extremszenario.

Die Kritik an der 20.000-Dollar-Prognose

Kritik gibt es vor allem deshalb, weil das Crescat Capital ein klarer Ausreißer ist. Es handelt sich nicht um einen breiten Marktkonsens. Viele Analysten sehen Gold zwar höher, aber nicht annähernd auf diesem Niveau.

Außerdem können sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern. Sollte sich etwa die Situation in den USA stabilisieren, die Inflation zurückgehen oder das Vertrauen in den US-Dollar wieder steigen, würden wichtige Voraussetzungen für ein solches Szenario wegfallen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Manche Stimmen sagen, dass solche Prognosen das Bild verzerren. Es sei nicht unbedingt Gold, das im Wert steigt, sondern der Dollar, der an Kaufkraft verliert. Wenn der Dollar tatsächlich massiv abwertet oder sogar kollabiert, wäre die Zahl auf dem Preisschild weniger entscheidend als die Frage, wie viel physisches Gold man tatsächlich besitzt.

Goldpreis oder Dollarverlust?

Genau dieser Punkt ist entscheidend. Ein Goldpreis von 20.000 US-Dollar klingt spektakulär. Doch wenn dieser Preis vor allem durch einen massiven Kaufkraftverlust des Dollars entsteht, sagt er weniger über einen „Gewinn“ aus als über den Wertverlust einer Währung.

Gold wird dann nicht unbedingt wertvoller im absoluten Sinn. Vielmehr zeigt der höhere Preis, dass man mehr Dollar braucht, um dieselbe Unze Gold zu kaufen. Für Anleger ist daher nicht nur die Zahl wichtig, sondern auch die Kaufkraft dahinter.

Das macht Gold als Wertspeicher so interessant: Es ist kein Versprechen einer Bank, kein Schuldtitel und keine Währung, die beliebig ausgeweitet werden kann. Gold bleibt physisch begrenzt.

Fazit: Extremes Kursziel, aber wichtige Debatte

Die Prognose von 20.000 US-Dollar pro Unze Gold bis 2030 ist ohne Zweifel extrem. Sie ist kein Konsens, sondern ein ambitioniertes Szenario, das auf mehreren starken Annahmen beruht. Gleichzeitig greift sie eine wichtig Frage auf: Was passiert mit Gold, wenn Geldmengen weiter wachsen, Schulden steigen, Aktienmärkte korrigieren und das Vertrauen in Papierwährungen sinkt?

Ob Gold tatsächlich auf 20.000 US-Dollar steigt, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Klar ist aber: Die fundamentale Diskussion rund um Gold ist noch lange nicht vorbei. Zentralbankkäufe, Inflation, geopolitische Unsicherheit, Tokenisierung und die Abkehr vom US-Dollar sprechen dafür, dass Gold auch in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen wird.

Die wichtigste Erkenntnis lautet daher: Prognosen sind keine Gewissheiten. Sie sind Denkanstöße. Und gerade extreme Kursziele können helfen, die großen Fragen dahinter zu verstehen.