Die US-Notenbank Fed hebt die Zinsen an – und rechnet gleichzeitig mit einer höheren Inflation. Ein Widerspruch? Vielleicht. Vor allem aber wirft die jüngste Entscheidung eine grundsätzliche Frage auf: Kann eine Notenbank überhaupt wissen, welcher Zins in einer komplexen Volkswirtschaft der richtige ist?
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV führt die Spur überraschend weit zurück. Bereits 1883 beschäftigte sich der Historiker Goldwin Smith mit Papiergeld, Geldentwertung und staatlicher Einflussnahme auf das Geldsystem. Sein Vergleich mit einem manipulierten Barometer wirkt heute erstaunlich aktuell.
Die Fed erhöht die Zinsen
Die US-Notenbank Fed hat den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Es war die erste Zinserhöhung seit dem Sommer 2023. Fed-Chef Kevin Warsh begründete die Entscheidung mit dem Ziel stabiler Preise und einer weiterhin zu hohen Inflation.
Gold reagierte zunächst mit einem Rückgang, konnte einen Teil der Verluste aber noch in derselben Nacht wieder aufholen.
Interessanter als die unmittelbare Marktreaktion sind jedoch die neuen Projektionen der Fed. 16 von 18 Mitgliedern des zuständigen Gremiums rechnen laut Video noch in diesem Jahr mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung. Gleichzeitig hob die Fed ihre Inflationsprognose für 2026 von zuvor 2,7 auf 3,7 Prozent an.
Die Notenbank erhöht also die Zinsen – und erwartet trotzdem mehr Inflation als zuvor. Genau hier beginnt die eigentliche Geschichte des Videos.
Gibt es überhaupt den „richtigen“ Zins?
Üblicherweise wird nach einer Zinsentscheidung darüber diskutiert, ob die Fed zu stark oder zu wenig reagiert hat. Doch hinter dieser Debatte steckt eine grundsätzlichere Frage: Kann eine kleine Gruppe von Entscheidungsträgern überhaupt bestimmen, welcher Zins für eine ganze Volkswirtschaft angemessen ist?
Genau mit dieser Art von staatlicher Steuerung beschäftigte sich Goldwin Smith bereits im 19. Jahrhundert.
Smith wurde 1823 geboren, war unter anderem Regius Professor für Neuere Geschichte in Oxford und später Professor an der Cornell University. 1883 hielt er einen Vortrag mit dem Titel „False Hopes“ – „Falsche Hoffnungen“. Darin kritisierte er unter anderem die Vorstellung, der Wohlstand einer Gesellschaft lasse sich vermehren, indem einfach mehr Papiergeld geschaffen wird.
Bemerkenswert daran: Die US-Notenbank Fed wurde erst 1913 gegründet. Smith starb drei Jahre davor.
Was ist ein Geldschein eigentlich?
Zu Smiths Zeit war die Antwort auf diese Frage vergleichsweise einfach. Ein Geldschein war im Kern ein Schuldschein: das Versprechen einer Bank, dem Besitzer eine bestimmte Menge Gold auszuzahlen.
Daraus zog Smith einen einfachen Schluss. Wenn eine Bank mehr solcher Scheine ausgibt, wird sie dadurch nicht automatisch reicher. Sie vermehrt zunächst nur ihre Verpflichtungen.
Anders gesagt: Mehr Geldscheine bedeuten nicht automatisch mehr realen Wohlstand.
Heute ist die Situation anders. Moderne Währungen sind nicht mehr unmittelbar durch Gold gedeckt. Auf einem 20-Euro-Schein steht ein Betrag – aber kein Anspruch auf eine bestimmte Menge Gold oder einen anderen realen Vermögenswert.
Das Geld funktioniert, weil Menschen darauf vertrauen, dass es auch morgen noch akzeptiert wird und Kaufkraft besitzt.
Das Barometer und die Geldpolitik
Goldwin Smith verwendete für die staatliche Steuerung des Geldes ein eindrückliches Bild: das Barometer.
Ein Barometer misst den Luftdruck. Natürlich kann man die Nadel von Hand verstellen und sie auf „schön“ drehen. Das Wetter verändert sich dadurch aber nicht.
Genau darin liegt die Parallele zur Geldpolitik. Die Notenbank setzt mit dem Leitzins einen der wichtigsten Preise einer Volkswirtschaft: den Preis des Geldes. Sie kann diesen Preis erhöhen oder senken. Ob sich damit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen tatsächlich wie gewünscht verändern, ist eine andere Frage.
Die aktuelle Fed-Entscheidung liefert dafür ein interessantes Beispiel. Die Zinsen werden angehoben, um die Inflation einzudämmen. Gleichzeitig rechnet die Notenbank selbst mit einer höheren Inflation als bisher.
Im Bild von Goldwin Smith gesprochen: Die Nadel wird verstellt – doch das Wetter hält sich nicht unbedingt daran.
Macht mehr Geld eine Gesellschaft reicher?
Smith kritisierte bereits 1883 die Vorstellung, Wohlstand könne einfach durch die Schaffung zusätzlichen Papiergeldes entstehen.
Seine Argumentation: Ein Geldschein schafft selbst keine neuen Güter, keine zusätzlichen Rohstoffe und keine höhere Produktivität. Er verändert zunächst nur die Menge an Geld beziehungsweise Ansprüchen, die im Umlauf sind.
Das ist auch heute eine zentrale Frage der Geldpolitik. Wenn die Geldmenge schneller wächst als die Menge an verfügbaren Waren und Dienstleistungen, kann das langfristig Auswirkungen auf die Kaufkraft haben.
Für Anlegerinnen und Anleger ist deshalb nicht nur entscheidend, wie viele Euro oder US-Dollar sie besitzen, sondern auch, was sie dafür tatsächlich kaufen können.
Geldentwertung verändert Gewinner und Verlierer
Ein weiterer Gedanke von Smith betrifft das Verhältnis zwischen Schuldnern und Gläubigern. Wird eine Währung entwertet, verändert sich auch der reale Wert bestehender Schulden.
Schuldner können davon profitieren, weil sie ihre alten Verpflichtungen mit Geld zurückzahlen, das weniger Kaufkraft besitzt. Für Gläubiger sieht es genau umgekehrt aus: Sie bekommen zwar nominal denselben Betrag zurück, können sich dafür aber möglicherweise weniger leisten.
Besonders relevant wird dieser Mechanismus, wenn der größte Schuldner der Staat selbst ist.
Damit führt die historische Debatte direkt zurück zu einer modernen Frage: Welche Anreize haben hoch verschuldete Staaten, wenn Inflation den realen Wert ihrer Schulden reduziert?
Was bedeutet das für Gold?
Goldwin Smith hat weder Goldkurse vorhergesagt noch einen bestimmten Crash angekündigt. Seine Überlegungen drehen sich vielmehr um eine grundsätzliche Frage: Was ist Geld – und worauf basiert sein Wert?
Genau hier unterscheidet sich Gold von Papierwährungen. Gold ist kein Zahlungsversprechen und keine Forderung gegenüber einer Bank oder einem Staat. Seine Menge lässt sich auch nicht per Zinsentscheidung oder politischem Beschluss beliebig erhöhen.
Deshalb spielt Gold für viele Anlegerinnen und Anleger gerade dann eine Rolle, wenn das Vertrauen in die Kaufkraft von Währungen oder in die Steuerungsfähigkeit von Notenbanken nachlässt.
Fazit: Die Nadel lässt sich bewegen – das Wetter nicht
Die jüngste Fed-Entscheidung liefert den Ausgangspunkt für eine Debatte, die deutlich älter ist als die Notenbank selbst. Die Fed hebt die Zinsen an, um die Inflation zu bekämpfen – und erhöht gleichzeitig ihre eigene Inflationsprognose.
Goldwin Smith hätte darin vermutlich ein bekanntes Muster erkannt. Sein Barometer-Vergleich erinnert daran, dass sich wirtschaftliche Realität nicht allein dadurch verändern lässt, dass eine Institution eine Zahl festlegt.
Die eigentliche Frage ist deshalb größer als ein Viertelprozentpunkt mehr oder weniger: Wie viel Einfluss können Notenbanken tatsächlich auf Geldwert, Inflation und Wohlstand nehmen – und wo liegen die Grenzen dieses Systems?