zum Hauptinhalt springen
Zurück

philoro FAKTENCHECK: Niemand verkauft

Warum trotz Rekordpreisen kaum Altgold auf den Markt kommt.

27. September 2026

Der Goldpreis steigt – und eigentlich müsste jetzt immer mehr Altgold zurück in den Markt kommen. Kaputte Ketten, einzelne Ohrringe, alte Münzen: Was nicht mehr gebraucht wird, wird verkauft, eingeschmolzen und wiederverwendet. So zumindest die Theorie.

Doch aktuell passiert etwas Überraschendes. Obwohl Gold deutlich teurer geworden ist, reagiert das Recycling kaum. Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um die Frage, warum Menschen ihr Gold trotz hoher Preise behalten – und warum nicht jedes Gramm Gold, das oberirdisch existiert, auch tatsächlich verfügbar ist.

Der Goldpreis steigt – das Recycling nicht

Im zweiten Quartal lag der durchschnittliche Goldpreis bei rund 4.500 US-Dollar je Unze. Das waren 37 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Eigentlich müsste ein solcher Preisanstieg einen deutlichen Schub beim Altgold auslösen. Doch das Gegenteil war der Fall: Das Recycling ging im selben Zeitraum um sechs Prozent zurück.

Ganz so eindeutig ist das Bild über das gesamte Halbjahr zwar nicht. Im ersten Quartal war das Recycling noch um fünf Prozent gestiegen. Zusammengerechnet kamen in den ersten sechs Monaten knapp 700 Tonnen Altgold auf den Markt – ungefähr so viel wie im Vorjahr. Und genau darin liegt das Auffällige: Trotz massiv höherer Preise bewegt sich das Recycling kaum.

Kein kurzfristiger Ausreißer

Das Phänomen zeigt sich nicht erst seit diesem Jahr. Bereits 2025 stieg der Goldpreis in US-Dollar um 67 Prozent. Das Recycling legte im selben Zeitraum aber lediglich um drei Prozent auf 1.404 Tonnen zu. Der World Gold Council spricht selbst von einer gedämpften Reaktion.

Noch deutlicher wird der Unterschied im langfristigen Vergleich. Das bislang größte Altgoldangebot gab es 2012 – bei einem Goldpreis, der deutlich unter dem heutigen Niveau lag. Selbst 2024 kam noch 16 Prozent weniger Altgold zurück auf den Markt als in diesem Rekordjahr. Die Frage lautet also: warum locken immer höhere Preise nicht automatisch mehr Gold aus den Schubladen?

Die leicht verkäuflichen Bestände sind längst weg

Eine wichtige Erklärung liefert der World Gold Council selbst. Der stetige Preisanstieg der vergangenen Jahre hat einen großen Teil des sogenannten marktnahen Angebots bereits mobilisiert. Gemeint ist Gold, von dem sich Besitzer relativ leicht trennen: die kaputte Kette, der einzelne Ohrring, ungeliebter Schmuck oder ein Erbstück ohne persönliche Bedeutung.

Viele dieser Stücke wurden längst verkauft – bei 2.000, 3.000 oder 3.500 US-Dollar je Unze. Was übrig bleibt, ist häufig emotional gebundenes Gold: der Ehering, die Münze zur Geburt oder das Schmuckstück der Großmutter. Solche Stücke wurden nie primär als Geldanlage gekauft. Entsprechend wenig Einfluss hat der aktuelle Goldpreis auf die Entscheidung, sie zu verkaufen.

220.000 Tonnen Gold – aber wie viel davon ist wirklich verfügbar?

Nahezu alles Gold, das jemals gefördert wurde, existiert noch. Insgesamt geht es um rund 220.000 Tonnen. Theoretisch klingt das nach einem enormen Angebot. Praktisch ist jedoch nur ein kleiner Teil davon tatsächlich marktverfügbar. Denn Gold kann zwar physisch vorhanden sein, ohne dass seine Besitzer bereit sind, es zu verkaufen. Schmuck mit emotionalem Wert, Familienvermögen oder langfristig gehaltene Münzen und Barren tauchen nicht automatisch auf dem Markt auf, nur weil der Preis steigt. Genau deshalb muss man zwischen vorhandenem und verfügbarem Gold unterscheiden.

Vier weitere Gründe bremsen das Recycling

Neben der persönlichen Entscheidung der Besitzer gibt es auch strukturelle Gründe dafür, dass weniger Altgold in den Markt zurückkommt. Der erste betrifft die Recyclingbranche selbst. In Europa und Nordamerika gab es Kapazitätsengpässe bei der Sammlung und Verarbeitung von Altgold.

Für Raffinerien können hohe Goldpreise sogar zu einer Belastung werden. Sie müssen das angelieferte Gold zunächst bezahlen, bevor es eingeschmolzen und weiterverkauft werden kann. Verdoppelt sich der Goldpreis, braucht die Raffinerie für dieselbe Menge Material entsprechend mehr Kapital. Hohe Goldpreise machen Recycling also nicht automatisch einfacher.

Wenn der Transportweg fehlt

Der zweite Faktor betrifft den Nahen Osten. Dort konnten Händler Gold zeitweise aufgrund des Konflikts nicht wie gewohnt zu den Raffinerien transportieren. Wenn der Weitertransport nicht funktioniert, wird auch weniger Altgold angekauft. Das Gold wäre grundsätzlich verfügbar – erreicht aber den Recyclingkreislauf nicht. Damit wird deutlich: Recycling hängt nicht nur vom Preis ab, sondern auch von Logistik, Finanzierung und Infrastruktur.

In China wird getauscht statt verkauft

Besonders interessant ist die Entwicklung in China. Seit November 2025 gilt dort eine veränderte Steuerregel für Goldschmuck. Während im Kaufpreis Mehrwertsteuer enthalten ist, wird sie beim Rückverkauf nicht berücksichtigt. Gleichzeitig können Schmuckhersteller seit der Reform nur noch sechs statt 13 Prozent der Steuer geltend machen. Dadurch wird neuer Schmuck teurer, während der Rückverkaufswert davon nicht profitiert.

Für viele Konsumenten lohnt es sich deshalb weniger, altes Gold einfach zu verkaufen. Stattdessen wird alter Schmuck beim Händler abgegeben und direkt gegen neuen getauscht. Das Gold bleibt damit im Kreislauf – erscheint aber nicht als klassisches Recycling in der Statistik.

In der Türkei wird Gold lieber behalten

Auch die Türkei liefert ein interessantes Beispiel. Dort sank das Recycling um 21 Prozent. Gerade in einem Umfeld mit schwacher Landeswährung ist Gold für viele Menschen besonders wertvoll. Wenn die Lira an Kaufkraft verliert, dient Gold als Absicherung. Dann ist ein hoher Goldpreis kein Grund zum Verkauf, sondern eher ein Argument, das Gold weiter zu behalten.

Dieses Muster zeigt sich auch international: In Industrieländern wie den USA, Europa und Japan kam zuletzt mehr Altgold auf dem Markt. In Indien, dem Nahen Osten und Südostasien dagegen weniger. Dort, wo Gold traditionell als Familienvermögen verstanden wird, ist die Verkaufsbereitschaft deutlich geringer.

Mehr Verkäufer – aber weniger Gold

Auch der alltägliche Edelmetallhandel zeigt diese Entwicklung. Eine Umfrage unter sieben Edelmetallhändlern im deutschsprachigen Raum ergab: Die Zahl der Ankaufsvorgänge ist gestiegen. Es kommen also mehr Menschen, um Gold zu verkaufen. Gleichzeitig ist das gesamte Ankaufsvolumen um mehr als 30 Prozent gefallen.

Das bedeutet: Es werden kleinere Mengen verkauft. Statt die gesamte Schatulle auf den Tresen zu legen, trennt man sich vielleicht nur noch von einem einzelnen Stück. Der Preis motiviert offenbar zum Verkauf – aber nur begrenzt.

Verkauft wird, wenn das Geld gebraucht wird

Auch die philoro TV Community bestätigt dieses Bild. Auf die Frage, wann ein größerer Teil des eigenen Goldes verkauft würde, nannten nur 13 Prozent ein bestimmtes Preisziel. Mit Abstand am häufigsten lautete die Antwort: wenn das Geld tatsächlich gebraucht wird. 51 Prozent würden aus diesem Grund verkaufen. Weitere 29 Prozent sagen, dass sie ihr Gold wahrscheinlich überhaupt nicht verkaufen und innerhalb der Familie weitergeben wollen. Zusammengenommen verkaufen damit 80 Prozent aus Gründen, die mit dem aktuellen Goldpreis wenig oder gar nichts zu tun haben.

Der Goldpreis ist nicht der wichtigste Faktor

Genau hier liegt der Kern der Entwicklung. Der Markt geht häufig davon aus, dass steigende Preise automatisch neues Angebot schaffen. Bei Gold funktioniert dieser Mechanismus jedoch nur begrenzt.

Viele Besitzer orientieren sich nicht an Charts oder Kurszielen. Sie verkaufen aufgrund persönlicher Lebenssituationen: weil Geld benötigt wird, weil sich die Bedeutung eines Schmuckstücks verändert oder weil ein Erbe aufgeteilt wird.

Altgold kommt deshalb nicht unbedingt dann in großen Mengen zurück, wenn Gold besonders teuer ist. Es kommt dann, wenn Menschen Liquidität brauchen.

Fazit: Gold ist vorhanden – aber nicht automatisch verfügbar

Hohe Goldpreise allein reichen offenbar nicht mehr aus, um große Mengen Altgold zurück auf den Markt zu bringen. Die leicht erreichbaren Bestände wurden in den vergangenen Jahren bereits verkauft, während ein immer größerer Teil des verbleibenden Goldes emotional und langfristig gebunden ist.

Dazu kommen Engpässe in der Recyclingbranche, Transportprobleme, steuerliche Besonderheiten und regionale Unterschiede im Umgang mit Gold. Das verändert den Blick auf die weltweiten Goldbestände: Rund 220.000 Tonnen existieren zwar oberirdisch – doch nur ein Bruchteil davon ist tatsächlich bereit, bei steigenden Preisen wieder auf den Markt zu kommen.