Der Preis fällt – und trotzdem steigen die Gewinne? Was auf den ersten Blick paradox klingt, ist am Finanzmarkt eine bekannte Strategie: Shortselling. Der Begriff taucht in Analysen zu Gold, Silber und anderen Anlageklassen immer wieder auf. Doch was bedeutet „short gehen“ eigentlich genau? Und warum können Short-Positionen die Preise von Edelmetallen beeinflussen?
Im neuen Q&A-Video von philoro TV wird Shortselling Schritt für Schritt erklärt: vom einfachen Beispiel über geliehenes Silber bis hin zu Short Squeezes, Papiermärkten und der Frage, was passieren würde, wenn alle Besitzer von Papiergold oder Papiersilber plötzlich physische Lieferung verlangen.
Was bedeutet „short gehen“?
Wer „long“ geht, kauft ein Asset in der Erwartung, dass der Preis steigt. Beim Shortselling funktioniert es genau umgekehrt: Ein Anleger setzt darauf, dass der Preis eines Assets fällt. Aus diesem fallenden Kurs soll ein Gewinn entstehen.
Am einfachsten lässt sich das mit Silber erklären. Wer erwartet, dass der Silberpreis fällt, verkauft Silber zu einem höheren Preis und kauft es später günstiger zurück. Die Differenz zwischen Verkaufspreis und Rückkaufpreis ist der Gewinn.
Ein Beispiel: Silber wird für 100 Euro verkauft. Später fällt der Preis auf 50 Euro. Wird das Silber nun zurückgekauft, bleiben 50 Euro Gewinn übrig.
Warum man auch etwas verkaufen kann, das man gar nicht besitzt
In der Praxis besitzen Shortseller das Silber oder Gold, das sie verkaufen, oft gar nicht selbst. Stattdessen leihen sie es sich aus – zum Beispiel über einen Broker. Der Anleger verkauft das geliehene Silber am Markt und hofft, es später günstiger zurückzukaufen.
Fällt der Preis wie erwartet, kann das Silber günstiger zurückgekauft und an den Verleiher zurückgegeben werden. Der Gewinn bleibt beim Shortseller, abzüglich Gebühren für das Ausleihen.
Genau dieses Prinzip macht Shortselling so mächtig – und gleichzeitig so riskant.
Das Risiko: Verluste können theoretisch unbegrenzt steigen
Shortselling funktioniert nur dann, wenn der Preis tatsächlich fällt. Steigt der Preis hingegen, wird es gefährlich.
Wer geliehenes Silber für 100 Euro verkauft und es später für 110 Euro zurückkaufen muss, macht zehn Euro Verlust. Das Problem: Ein Preis kann theoretisch unbegrenzt steigen. Damit können auch die Verluste einer Short-Position theoretisch unbegrenzt groß werden.
Deshalb versuchen Shortseller bei steigenden Kursen oft, ihre Positionen rasch zu schließen. Sie kaufen das verkaufte Silber zurück, um größere Verluste zu vermeiden.
Was ist ein Short Squeeze?
Besonders spannend wird es, wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig auf fallende Kurse gesetzt haben – und der Preis plötzlich steigt. Dann müssen viele Shortseller gleichzeitig zurückkaufen, um ihre Verluste zu begrenzen.
Diese Rückkäufe erhöhen die Nachfrage. Steigende Nachfrage treibt den Preis weiter nach oben. Dadurch geraten noch mehr Shortseller unter Druck und müssen ebenfalls kaufen. Das Ergebnis ist ein Short Squeeze: ein sehr schneller, starker Preisanstieg, der allerdings oft nur kurz anhält.
Gerade am Silbermarkt wird dieses Szenario immer wieder diskutiert, weil dort große Short-Positionen und knappe physische Verfügbarkeit aufeinandertreffen können.
Wie Short-Kontrakte den Preis drücken können
Shortselling kann den Preis eines Assets beeinflussen, weil durch Verkäufe zusätzliches Angebot auf den Markt kommt. Besonders relevant wird das, wenn nicht physisches Silber oder Gold verkauft wird, sondern sogenanntes Papiersilber oder Papiergold.
Dabei werden keine echten Barren oder Münzen gehandelt, sondern Kontrakte, Zertifikate oder Ansprüche. Shortseller können sich solche Papierpositionen in großem Umfang leihen und verkaufen. Dadurch entsteht am Markt ein größeres Angebot, als physisch tatsächlich vorhanden ist.
Mehr Angebot bedeutet in der Regel niedrigere Preise. Wenn viele Marktteilnehmer gleichzeitig Verkaufspositionen aufbauen, kann das den Kurs spürbar belasten.
Wenn der Markt manipuliert wird
Dass Handelsstrategien den Preis beeinflussen können, ist nicht nur Theorie. Im Video wird der Fall JP Morgan erwähnt: Die Bank wurde 2020 zu einer Strafe von 902 Millionen US-Dollar verurteilt, weil sie mit Scheinaufträgen Preise beeinflusst haben soll.
Dabei wurden große Kauf- oder Verkaufsaufträge in den Markt gestellt, um den Preis in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Sobald der Markt reagierte, wurden diese Aufträge wieder storniert. Dieses Vorgehen ist als Spoofing bekannt und zeigt, wie anfällig besonders große und schnelle Märkte für Manipulationen sein können.
Was sind Futures?
Ein weiterer wichtiger Begriff im Zusammenhang mit Papiergold und Papiersilber sind Futures. Ein Future ist ein Vertrag über die Lieferung eines Assets zu einem späteren Zeitpunkt. Käufer und Verkäufer vereinbaren heute, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft ein bestimmtes Asset zu einem bestimmten Preis geliefert wird.
Ursprünglich sind Futures ein wichtiges Absicherungsinstrument – etwa in der Landwirtschaft. Produzenten und Abnehmer können Preise im Voraus festlegen und sich so gegen Schwankungen schützen.
Auch am Edelmetallmarkt gibt es solche Verträge. Theoretisch geht es dabei um die Lieferung von Gold oder Silber zu einem fixen Termin und Preis. Praktisch wird aber in den meisten Fällen gar kein physisches Metall geliefert.
Papiermarkt versus physische Lieferung
Am Edelmetallmarkt werden viele Futures und Zertifikate nicht durch echte physische Lieferung erfüllt. Stattdessen werden sie weitergehandelt, verlängert oder finanziell ausgeglichen. Es geht also häufig nicht um Barren oder Münzen, sondern um Ansprüche auf Metall.
Genau hier liegt das Grunddilemma des Papiermarktes. Er funktioniert, solange alle Beteiligten darauf vertrauen, dass die Ansprüche theoretisch in physisches Metall umgewandelt werden könnten – und solange nur wenige diese Lieferung tatsächlich verlangen.
Besonders am Silbermarkt zeigt sich jedoch, dass immer mehr Käufer physische Lieferung fordern. Für industrielle Verbraucher, etwa Hersteller von Solarpaneelen, reicht ein Papieranspruch nicht aus. Sie brauchen das Metall tatsächlich.
Was passiert, wenn alle physische Lieferung verlangen?
Eine zentrale Frage aus der Community lautet: Was würde passieren, wenn alle Besitzer von Papiergold oder Papiersilber ihr physisches Metall einfordern?
Die kurze Antwort: Dann stünde der Edelmetallmarkt vor einem massiven Problem. Denn die Menge der Papieransprüche ist deutlich größer als die Menge des physisch verfügbaren Metalls.
Jochen Staiger formulierte es im Interview mit philoro TV so: In einem solchen Szenario wäre der Papierhandel praktisch am Ende. Große industrielle Verbraucher würden direkt mit Minen verhandeln, und dann würde sich zeigen, wo der echte Preis für Silber liegt.
Der Papiermarkt beruht also auf Vertrauen – darauf, dass Ansprüche im Notfall erfüllbar sind, und gleichzeitig darauf, dass nur ein kleiner Teil der Marktteilnehmer diese Erfüllung tatsächlich verlangt.
Warum das für Gold und Silber wichtig ist
Shortselling, Futures und Papiermärkte wirken auf den ersten Blick technisch. Für Anlegerinnen und Anleger sind sie aber wichtig, weil sie erklären helfen, warum sich Preise manchmal anders bewegen, als es die physische Nachfrage vermuten lässt.
Wenn große Mengen Papiergold oder Papiersilber verkauft werden, kann der Preis unter Druck geraten, obwohl physisches Metall gefragt bleibt. Umgekehrt können Short Squeezes zu starken, kurzfristigen Preisanstiegen führen, wenn viele Shortseller gleichzeitig aus dem Markt gedrängt werden.
Wer Gold und Silber verstehen will, sollte deshalb nicht nur auf Angebot und Nachfrage bei Barren und Münzen schauen, sondern auch auf die Struktur des Papiermarktes.
Fazit: Shortselling ist mächtig – aber riskant
Shortselling ermöglicht Gewinne bei fallenden Kursen. Gleichzeitig kann diese Strategie enorme Risiken bergen, weil Verluste theoretisch unbegrenzt steigen können. Besonders am Edelmetallmarkt wird Shortselling spannend, weil dort physisches Metall und Papieransprüche in einem komplexen Verhältnis zueinander stehen.
Viele Fragen rund um Gold und Silber lassen sich erst verstehen, wenn man weiß, wie Short-Positionen, Futures und Papiermärkte funktionieren. Genau deshalb lohnt sich der Blick hinter die Kulissen.