Die Niederlande verlagern Gold aus New York und Ottawa nach London – und die Begründung der Notenbank klingt, als würde man sich ganz bewusst auf den Ernstfall vorbereiten. Zwischen März und August hat die niederländische Zentralbank DNB rund 86 Tonnen Gold umgeschichtet. Der Wert: etwas mehr als 11 Milliarden US-Dollar.
Im neuen FAKTENCHECK von philoro TV geht es um eine zentrale Frage: Warum wird Gold nicht nur gekauft, sondern auch neu verteilt? Und warum wird der Ort der Lagerung für Zentralbanken immer wichtiger?
Die Niederlande verlagern Gold nach London
Der Goldbestand der Niederlande bleibt unverändert. Insgesamt hält die niederländische Zentralbank weiterhin 612 Tonnen Gold. Verändert hat sich nur der Lagerort. Rund 86 Tonnen wurden aus New York und Ottawa abgezogen und nach London verlagert.
Damit ist London erstmals der wichtigste ausländische Lagerort für niederländisches Gold. Besonders interessant ist die Art der Umsetzung: 27 Tonnen wurden tatsächlich physisch transportiert. Die restlichen 59 Tonnen wurden in Nordamerika verkauft und in London neu eingekauft. So konnte man sich das Umschmelzen älterer Barren sparen.
Noch spannender ist jedoch die offizielle Erklärung der DNB. Man habe bewusst beide Wege ausprobiert, weil diese Erfahrung in einer künftigen Krise nützlich sein könnte – etwa dann, wenn eine der beiden Methoden nicht mehr funktioniert. Im Klartext: Eine europäische Zentralbank testet, wie sie ihr Gold im Ernstfall bewegen kann.
Es geht nicht um Patriotismus, sondern um Zugriff
Die Niederlande haben ihr Gold nicht nach Hause geholt, sondern von New York nach London umgeschichtet. Es geht also nicht darum, den Schatz im eigenen Land zu lagern. Entscheidend ist vielmehr der Zugriff.
Gold in London erfüllt internationale Handelsstandards und kann im Ernstfall besonders schnell verkauft oder bewegt werden. Aus New York und Ottawa ist das laut DNB nicht ganz so direkt möglich. Genau darin liegt der Kern dieser Entscheidung: Es geht nicht nur darum, wie viel Gold eine Zentralbank besitzt. Es geht darum, ob sie im entscheidenden Moment auch wirklich darauf zugreifen kann.
Diese Frage beschäftigt immer mehr Notenbanken. Frankreich hat heuer eine ähnliche Aktion abgeschlossen, Indien hat zuletzt mehr als 100 Tonnen Gold zurückgeholt. Der Trend zeigt: Zentralbanken denken nicht nur über Goldkäufe nach, sondern auch über Lagerorte, Verfügbarkeit und geopolitische Risiken.
London bleibt wichtig, New York verliert an Gewicht
Die jährliche Zentralbank-Umfrage des World Gold Council zeigt, wohin die Entwicklung geht. London bleibt zwar der beliebteste ausländische Lagerort, doch sein Vorsprung wird kleiner. 57 Prozent der befragten Notenbanken lagern dort Gold. Im Vorjahr waren es noch 64 Prozent.
Auch New York verliert an Bedeutung. Der Anteil jener Zentralbanken, die überhaupt noch Gold in New York lagern, ist von 17 auf 14 Prozent gefallen. Das bedeutet nicht, dass New York keine Rolle mehr spielt. Aber es zeigt, dass Notenbanken ihre Lagerstrategie überdenken.
Die zentrale Frage lautet immer häufiger: Wo ist Gold im Ernstfall am besten aufgehoben?
Zentralbanken kaufen weiter Gold
Parallel zur Debatte über Lagerorte geht eine andere Entwicklung weiter: Zentralbanken kaufen Gold. Laut den Juli-Zahlen des World Gold Council wurden netto 23 Tonnen Gold zugekauft.
Angeführt wurde die Liste erneut von China mit 20 Tonnen und Polen mit acht Tonnen. Tschechien legte zwei Tonnen zu – und kaufte damit bereits den 41. Monat in Folge netto Gold. Auch Kasachstan, Malaysia und Bolivien erhöhten ihre Bestände jeweils um eine Tonne.
Auf Jahressicht liegt Polen weiterhin an der Spitze. Seit Jänner hat das Land 90 Tonnen Gold gekauft. Insgesamt hält Polen inzwischen 640 Tonnen und nähert sich damit seinem Ziel von 700 Tonnen. Gold macht dort mittlerweile 28 Prozent der Gesamtreserven aus.
Manche Länder setzen fast vollständig auf Gold
Während 28 Prozent Goldanteil bereits hoch wirken, gehen andere Länder noch deutlich weiter. In Kasachstan liegt der Goldanteil an den Reserven bei 75 Prozent, in Usbekistan sogar bei 87 Prozent.
Diese Zahlen zeigen, welche Bedeutung Gold für manche Zentralbanken bereits hat. Es ist nicht nur eine Ergänzung zu klassischen Währungsreserven, sondern in einigen Ländern der wichtigste Bestandteil der nationalen Reservepolitik.
Auf der Verkäuferseite stehen weiterhin bekannte Namen. Russland gab im Juli sechs Tonnen ab, im laufenden Jahr insgesamt 50 Tonnen. Die Türkei liegt bei 85 Tonnen. Dabei handelt es sich laut Einordnung im Video nicht um strategische Ausstiege aus Gold, sondern vor allem um Liquiditätsbeschaffung.
Unterm Strich stehen heuer rund 130 Tonnen offiziell gemeldete Zukäufe. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es etwa 160 Tonnen. Das ist etwas weniger – allerdings bei einem deutlich höheren Goldpreis. Für denselben Betrag bekommt man heute schlicht weniger Gold.
China beschleunigt seine Goldkäufe
Besonders auffällig bleibt China. Die People’s Bank of China kaufte im August rund 20,2 Tonnen Gold. Der Bestand liegt nun bei 76,73 Millionen Unzen, also bei knapp 2.387 Tonnen. Das ist der größte Monatszuwachs seit Oktober 2023 und der 22. Kaufmonat in Folge.
Noch interessanter ist die Dynamik: Im Mai kamen 9,95 Tonnen hinzu, im Juni 14,9 Tonnen, im Juli 19,9 Tonnen und im August 20,2 Tonnen. In nur vier Monaten kaufte China damit knapp 65 Tonnen Gold. Zu Jahresbeginn lagen die monatlichen Zukäufe teilweise noch bei rund einer Tonne.
Das deutet darauf hin, dass China im Frühjahr bewusst beschleunigt hat. Der Fuß liegt am Gaspedal.
China kauft trotz hohem Goldpreis
Bemerkenswert ist auch das Preisniveau. China kauft nicht bei 2.000 US-Dollar pro Unze, sondern bei einem Goldpreis von über 4.000 US-Dollar. Wer in dieser Größenordnung und zu diesen Preisen kauft, denkt nicht in Wochen oder Monaten, sondern in Jahrzehnten.
Der ausgewiesene Wert der chinesischen Goldreserven stieg im August um fast 44 Milliarden US-Dollar auf 350 Milliarden US-Dollar. Das liegt nicht nur an den neuen Käufen, sondern vor allem am höheren Goldpreis. Der Goldanteil an den gesamten Währungsreserven kletterte damit von 8,1 auf 9,1 Prozent.
Offiziell liegt China mit knapp 2.400 Tonnen Gold weltweit auf Platz sechs, weit hinter den USA mit mehr als 8.000 Tonnen. Doch genau hier beginnt die Debatte: Viele Beobachter halten die offiziellen Zahlen für zu niedrig. Angesichts der jahrelangen Goldzuflüsse nach China und des aktuellen Kauftempos vermuten manche, dass die tatsächlichen Bestände deutlich höher sein könnten.
Die Frage nach Chinas wahrem Goldbestand
Auch die philoro TV Community sieht China offenbar deutlich stärker, als es die offiziellen Zahlen vermuten lassen. 79 Prozent der Teilnehmenden glauben, dass China die USA bei den Goldbeständen sehr wahrscheinlich längst überholt hat. Nur zwei Prozent halten das für unwahrscheinlich. 14 Prozent sagen, man werde es ohnehin nie erfahren.
Und genau darin liegt vermutlich viel Wahrheit. Von außen lässt sich Chinas tatsächlicher Goldbestand nicht zuverlässig überprüfen. Klar ist aber: China kauft weiter, kauft mehr und kauft zu hohen Preisen. Das ist ein starkes Signal für die langfristige Bedeutung von Gold in der chinesischen Reservepolitik.
Weltweit kommen neue Käufer dazu
Neben den bekannten großen Käufern gibt es auch kleinere, aber bemerkenswerte Entwicklungen. Südkorea hat nach 13 Jahren erstmals wieder eine offizielle Goldallokation angekündigt. Es geht um rund 250 Millionen US-Dollar, also ungefähr zwei Tonnen, gekauft über goldgedeckte ETFs. Zusätzlich will die Bank of Korea künftig im Inland raffiniertes Gold kaufen – ausdrücklich zur Absicherung gegen Inflation und geopolitische Risiken.
Auch Namibia will seinen Goldanteil ausbauen. Die dortige Notenbank plant, den Anteil bis März 2027 von einem auf drei Prozent zu verdreifachen. Dafür wurde heuer bereits ein Liefervertrag mit einer lokalen Mine abgeschlossen.
Solche Meldungen mögen einzeln klein wirken. Zusammengenommen zeigen sie aber: Immer mehr Länder entdecken Gold als strategische Reserve.
Venezuela zeigt das Risiko ausländischer Lagerung
Besonders deutlich wird die Bedeutung des Lagerortes am Beispiel Venezuela. Das Land hat die Rückführung von rund 4 Milliarden US-Dollar an Goldreserven von der Bank of England beantragt. An dieses Gold kommt Venezuela seit 2018 nicht mehr heran, weil die britische Regierung die venezolanische Regierung nicht anerkennt.
Genau vor einem solchen Szenario versuchen sich andere Zentralbanken offenbar zu schützen. Gold zu besitzen ist das eine. Im Ernstfall tatsächlich darauf zugreifen zu können, ist etwas anderes.
Das macht die niederländische Entscheidung besonders spannend: Sie zeigt, dass selbst stabile europäische Zentralbanken nicht nur über Bestände, sondern auch über Verfügbarkeit, Lagerort und Krisenfähigkeit nachdenken.
Fazit: Gold wird neu bewertet – und neu verteilt
Die jüngsten Entwicklungen zeigen: Zentralbanken kaufen nicht nur Gold, sie hinterfragen auch, wo dieses Gold lagert und wie schnell sie im Ernstfall darauf zugreifen können. Die Niederlande verlagern Bestände aus New York und Ottawa nach London. Frankreich und Indien haben ähnliche Schritte gesetzt. Venezuela zeigt, welche Risiken entstehen können, wenn Gold politisch blockiert wird.
Gleichzeitig kaufen Zentralbanken weiter zu. Polen nähert sich seinem Ziel von 700 Tonnen, China beschleunigt seine Käufe deutlich, und auch Länder wie Südkorea und Namibia werden wieder aktiv.
Damit wird Gold nicht nur als Wertanlage wichtiger, sondern auch als strategisches Instrument. Entscheidend ist nicht mehr nur die Frage, wie viel Gold ein Land besitzt. Entscheidend ist zunehmend auch, wo es liegt – und ob man im Ernstfall wirklich drankommt.