Ende August sah es noch ziemlich spannend aus. Gold war auf dem Weg Richtung 4.700 US-Dollar. Die Stimmung war gut, der August stark und viele dachten: Vielleicht fällt diese Marke jetzt wirklich. Spoiler: Ist sie nicht.
Statt neuer Rallye gab es im September eine Korrektur. Gold verlor in US-Dollar rund 6,5 Prozent. Für Anleger in Europa sah es etwas weniger hart aus: In Euro lag das Minus bei 4,7 Prozent, in Schweizer Franken bei 3,9 Prozent. Der Grund: Der US-Dollar wurde im September stärker und hat die Bewegung für Euro- und Franken-Anleger teilweise abgefedert.
Trotzdem: Der September war kein glänzender Monat. Aber auch kein Weltuntergang. Im Vergleich zum Vorjahr liegt Gold immer noch rund 14 Prozent im Plus. Silber ging im September ebenfalls zurück, minus 6,4 Prozent in Dollar. Im Jahresvergleich liegt Silber aber weiterhin mehr als 30 Prozent im Plus. Kurz gesagt: der September war schwach – das Jahr bleibt trotzdem stark.
Erst einmal: Was ist passiert?
Der September hatte für Gold vor allem einen Gegner: Zinsen. Gleich drei große Notenbanken haben die Zinsen angehoben. Die Europäische Zentralbank machte am 10. September den Anfang und erhöhte auf 2,5 Prozent. Am 16. September zog die US-Notenbank Fed nach. Die Leitzinsen liegen dort jetzt zwischen 3,75 und 4 Prozent. Auch die Bank of Japan erhöhte auf 1,25 Prozent – den höchsten Stand in Japan seit 1995.
Das ist wichtig, weil Gold keine Zinsen zahlt. Wenn Sparprodukte, Anleihen oder andere verzinste Anlagen wieder attraktiv werden, fragen sich manche Anleger: Warum soll ich Gold halten, wenn ich woanders laufende Erträge bekomme? Genau diese Rechnung hat der Markt im September gemacht. Gold wurde nicht plötzlich uninteressant, aber es bekam Gegenwind.
Warum höhere Zinsen Gold belasten
Gold ist kein normales Investment. Es zahlt keine Dividenden wie manche Aktien und keine Zinsen wie ein Sparkonto oder eine Anleihe. Sein Wert liegt eher darin, dass es knapp, physisch, weltweit bekannt und langfristig als Wertspeicher akzeptiert ist. Das kann in unsicheren Zeiten attraktiv sein.
Aber wenn die Zinsen steigen, wird die Konkurrenz größer. Wenn es auf Anleihen oder Sparprodukte wieder mehr Ertrag gibt, überlegen manche Anleger, ob sie ihr Geld lieber dort parken. Genau deshalb reagieren Goldpreise oft empfindlich auf Zinserwartungen.
Im September war dieser Zusammenhang ziemlich klar: Höhere Inflation führte zu strengeren Notenbanken. Strengere Notenbanken bedeuteten höhere Zinsen. Und höhere Zinsen machten Gold kurzfristig weniger attraktiv. Das war der Hauptgrund für die Korrektur.
Öl macht alles komplizierter
Der zweite große Faktor war Öl. Im Nahen Osten hat sich die Lage im September wieder deutlich zugespitzt. Die Huthi-Rebellen brachten die Meerenge Bab al-Mandab unter ihre Kontrolle. Das ist ein zentraler Zugang zum Roten Meer und damit zum Suezkanal. Außerdem wurde offenbar die Ost-West-Pipeline Saudi-Arabiens getroffen, eine wichtige Ölverbindung des Landes zum Roten Meer. Auch die Straße von Hormus bleibt ein Risiko. Die Folge: Öl wurde deutlich teurer.
Ende Juni kostete ein Fass Brent noch knapp 74 US-Dollar. Ende September waren es fast 100 US-Dollar. Diesel wurde weltweit knapp, in Europa kostete ein Fass Diesel fast doppelt so viel wie vor einem Jahr.
Normalerweise könnte man denken: Krise im Nahen Osten, geopolitische Unsicherheit, teures Öl – das müsste doch gut für Gold sein. Früher war das oft so. Diesmal lief die Kette anders: Teures Öl bedeutet höhere Inflation. Höhere Inflation bedeutet strengere Notenbanken. Strengere Notenbanken bedeuten höhere Zinsen. Und höhere Zinsen bedeuten Gegenwind für Gold. Die Krise hat Gold also nicht direkt geholfen. Sie kam über den Umweg der Inflation und Zinsen zurück – und genau das hat den Preis belastet.
Warum Inflation gerade wieder wichtig ist
Inflation war im August wieder klar sichtbar. In der gesamten EU stieg die Teuerung auf 3,2 Prozent, nach 3,0 Prozent im Juli. In der Eurozone lag sie ebenfalls bei 3,2 Prozent, nach 2,9 Prozent. Deutschland lag bei 2,9 Prozent, Österreich bei 3,2 Prozent, die USA bei 3,4 Prozent und die Schweiz bei 0,8 Prozent.
Besonders auffällig war Energie. In Deutschland stiegen die Energiepreise um 10,5 Prozent. Heizöl legte sogar um fast 50 Prozent zu. In Österreich waren Treibstoffe um 26 Prozent teurer als vor einem Jahr. Auch in der Schweiz waren Erdölprodukte der stärkste Preistreiber.
Damit schließt sich der Kreis: Solange Öl teurer bleibt, bleibt Inflation ein Thema. Solange Inflation ein Thema bleibt, bleiben die Notenbanken vorsichtig. Und solange die Notenbanken vorsichtig bleiben, bleibt Gold unter Druck. Das heißt nicht, dass Gold nicht steigen kann – aber der Weg wird schwieriger.
Was bedeutet das für Gold?
Die Marke von 4.700 US-Dollar ist nicht vom Tisch. Aber sie ist auch nicht automatisch der nächste Halt. Gold hat im September gezeigt, dass starke Monate auch Rücksetzer brauchen können. Nach dem starken August waren die Erwartungen hoch. Viele hatten auf einen neuen Anlauf Richtung 4.700 US-Dollar gesetzt. Stattdessen kamen Zinsen, Dollarstärke und Öl-Inflation dazwischen.
Für Einsteiger ist das eine wichtige Lektion. Gold steigt nicht einfach nur, weil irgendwo Krise ist. Eine Krise kann Gold stützen, wenn Menschen Sicherheit suchen. Sie kann Gold aber auch belasten, wenn sie Inflation antreibt und dadurch höhere Zinsen wahrscheinlicher macht. Genau das war im September der Fall.
Und was war mit Silber?
Silber lief im September ähnlich wie Gold. Der Preis verlor in US-Dollar rund 6,4 Prozent. Das tut weh, vor allem weil Silber nach dem starken Jahresverlauf viel Aufmerksamkeit bekommen hatte.
Aber auch hier ist der Blick auf den Zeitraum wichtig: Im Vergleich zum Vorjahr liegt Silber immer noch mehr als 30 Prozent im Plus. Silber bleibt allerdings schwankungsfreudiger als Gold. Das liegt daran, dass Silber nicht nur Edelmetall ist, sondern auch Industriemetall. Es wird in Technik, Elektronik, Photovoltaik und vielen industriellen Anwendungen genutzt. Dadurch reagiert Silber oft stärker auf Konjunktur, Industrie und Marktstimmung.
Für junge Anleger heißt das: Silber kann spannend sein, aber es ist kein ruhiger Ersatz für Gold. Es bewegt sich oft stärker – in beide Richtungen.
Die Käufer bleiben trotzdem da
Trotz der Korrektur gibt es eine gute Nachricht: Die großen Käufer bleiben aktiv. Gold-ETFs haben im August weltweit rund 120 Tonnen Gold dazugekauft. Jeweils 53 Tonnen entfielen auf die USA und Europa. Auch Zentralbanken kaufen weiter. Im Juli legten sie netto 23 Tonnen zu, allein China kaufte 20 Tonnen. Polen hält inzwischen 640 Tonnen Gold, 90 Tonnen mehr als zu Jahresbeginn.
Das Muster kennen wir schon aus den vergangenen Monaten. Der Preis schwankt. Die Nachfrage bleibt. Das heißt nicht, dass Gold automatisch steigen muss. Aber es zeigt: Kurzfristige Rücksetzer bedeuten nicht, dass das Interesse verschwunden ist. Große Investoren und Zentralbanken schauen oft langfristiger. Sie kaufen nicht unbedingt, weil Gold nächste Woche steigen soll, sondern weil sie Reserven, Diversifikation oder Sicherheit aufbauen wollen.
Wenn Gold korrigiert, heißt das also nicht automatisch, dass die Story vorbei ist. Manchmal sortiert sich der Markt nur neu.
Die Weltwirtschaft hält sich besser als gedacht
Auch der Blick auf die Wirtschaft ist interessant. Die OECD rechnet für dieses Jahr mit einem weltweiten Wachstum von 2,9 Prozent. Der Ölschock wurde bisher offenbar besser verkraftet als befürchtet, unter anderem weil Lieferwege umgeleitet und Reserven freigegeben wurden. Gleichzeitig bleibt Inflation ein Problem: Für die G20-Staaten wird mit 4,1 Prozent Inflation gerechnet.
In Deutschland haben die großen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognose auf 1,3 Prozent Wachstum angehoben. Das Ifo-Geschäftsklima ist im September zum fünften Mal gestiegen. Trotzdem bleibt der Aufschwung wackelig, vor allem wegen der Energiepreise.
In Österreich schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal um 0,1 Prozent. Laut WIFO lag das vor allem an statistischen Effekten. Die Frühindikatoren zeigen nach oben, für das Gesamtjahr werden 0,8 Prozent Wachstum erwartet. Weniger erfreulich: Die Arbeitslosenquote stieg im August auf den höchsten Stand seit Mitte 2021.
Die Schweiz überrascht erneut positiv. Die Prognose wurde von 0,9 auf 1,7 Prozent Wachstum angehoben. Allerdings kam fast die Hälfte des Wachstums aus Pharmaindustrie und Exporten, was sich im zweiten Halbjahr wohl nicht im gleichen Tempo wiederholen dürfte.
In China bleibt das Bild gespalten: Die Exporte stiegen im August um 25 Prozent, der Einzelhandel im Inland aber nur um 0,4 Prozent. China verkauft also sehr viel an die Welt, aber die eigene Konsumnachfrage bleibt schwach.
Warum das alles für Gold wichtig ist
Gold bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Zinsen, Inflation, Dollar, Ölpreise, Wirtschaftsdaten, Zentralbanken und geopolitische Risiken wirken zusammen. Manchmal stützen sie Gold. Manchmal belasten sie Gold. Manchmal passiert beides gleichzeitig.
Der September war genau so ein Monat. Einerseits gab es Unsicherheit im Nahen Osten, teures Öl und weiter aktive Goldkäufer. Das könnte Gold eigentlich helfen. Andererseits stiegen Zinsen, der Dollar wurde stärker und die Inflation blieb hartnäckig. Das belastete Gold. Am Ende waren die belastenden Faktoren stärker. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Gold reagiert nicht nur auf Schlagzeilen. Es reagiert auf die Kette dahinter. Nicht nur: Gibt es eine Krise? Sondern: Was macht diese Krise mit Inflation, Zinsen, Währungen und Anlegerstimmung?
Was bedeutet das für Einsteiger?
Für Einsteiger kann ein Monat wie September verwirrend sein. Man liest von Krisen, Ölpreisen, Inflation und Zentralbankkäufen – und trotzdem fällt Gold. Das wirkt auf den ersten Blick unlogisch. Aber genau solche Monate zeigen, warum Gold kein einfacher Krisen-Autopilot ist:
Gold kann Schutz bieten.
Gold kann langfristig stabilisieren.
Gold kann von Unsicherheit profitieren.
Aber Gold kann auch fallen, wenn Zinsen steigen, der Dollar stärker wird oder Anleger kurzfristig andere Anlagen bevorzugen. Das ist kein Widerspruch. Das ist Markt. Wer Gold oder Silber hält, sollte deshalb nicht jeden Monatsrückgang überbewerten. Wichtig ist die eigene Strategie: Hältst du Edelmetalle als langfristigen Baustein, als Diversifikation, als Sachwert oder als Ergänzung zu Aktien, Cash oder Krypto? Wenn du das beantworten kannst, wirken einzelne Monatsbewegungen weniger dramatisch.
Kaufen, warten oder beobachten?
Nach jedem stärkeren Rücksetzer kommt die gleiche Frage: kaufen, warten oder beobachten? Die ehrliche Antwort: Es kommt auf deinen Plan an. Wenn du noch gar kein Gold oder Silber besitzt, kann ein Rücksetzer ein Anlass sein, dich mit dem Thema zu beschäftigen. Nicht panisch kaufen, sondern verstehen: Wie funktionieren Goldpreis, Silberpreis, Aufgeld, Spread, Lagerung und Sparpläne?
Wenn du bereits Edelmetalle hältst, ist der September vor allem ein Strategie-Check. Passt deine Gewichtung noch? Hast du zu viel? Zu wenig? Wolltest du langfristig halten – oder warst du nur von der Rallye im August mitgerissen? Wenn du regelmäßig kaufst, etwa über einen Sparplan, ist ein schwächerer Monat Teil des Systems. Du kaufst mal höher, mal niedriger. Genau das ist der Punkt eines regelmäßigen Aufbaus.
Wichtig ist: Nicht aus FOMO kaufen – und nicht aus Panik verkaufen.
Fazit: Ein Dämpfer, kein Drama
Gold und Silber hatten im September keinen leichten Monat. Gold verlor in Dollar rund 6,5 Prozent, Silber rund 6,4 Prozent. Für Euro- und Franken-Anleger fiel das Goldminus etwas kleiner aus, weil der Dollar stärker wurde. Nach dem starken August war das ein klarer Dämpfer.
Der Hauptgrund waren die zurückgekehrten Zinsen. EZB, Fed und Bank of Japan haben erhöht. Gleichzeitig trieben Ölpreise und geopolitische Spannungen die Inflationssorgen. Für Gold war das eine schwierige Mischung: Krise ja, aber über den Umweg höherer Inflation und strengerer Notenbanken.
Trotzdem bleibt das große Bild spannender als der Monatsverlust. Gold liegt im Jahresvergleich noch rund 14 Prozent im Plus, Silber mehr als 30 Prozent. ETFs und Zentralbanken kaufen weiter. Die Nachfrage ist also nicht verschwunden.
Der September zeigt vor allem: Edelmetalle sind keine Einbahnstraße. Sie schwanken, reagieren auf Zinsen, Währungen und Erwartungen – und genau deshalb lohnt es sich, nicht nur auf den Preis zu schauen, sondern auf die Gründe dahinter.
Und jetzt?
Nimm den September als Erinnerung: Auch starke Trends machen Pausen. Die 4.700 US-Dollar sind nicht vergessen, aber der Weg dorthin hängt jetzt stark an Öl, Inflation und Notenbanken. Solange Energie teuer bleibt, bleibt Inflation ein Thema. Solange Inflation ein Thema bleibt, bleiben Zinsen ein Thema. Und solange Zinsen ein Thema bleiben, bleibt Gold unter Beobachtung.
Für dich heißt das: Ruhe bewahren, Zusammenhänge verstehen und nicht jede Monatsbewegung überbewerten. Gold und Silber können langfristige Bausteine sein. Aber sie funktionieren am besten mit Plan. Nicht mit Panik oder FOMO.
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